REIHE : pictura & poesia / Konzept Ernst Ehlert

»EINE DICHTUNG IST WIE EIN GEMÄLDE: es gibt solche, die dich, wenn du nĂ€her stehst, mehr fesseln, und solche, wenn du weiter entfernt stehst; dieses liebt das Dunkel, dies will bei Lichte beschaut sein;
 dies hat einmal gefallen, doch dieses wird, noch zehnmal betrachtet, gefallen.«

Diese SĂ€tze sind zweitausend Jahre alt. Aufgeschrieben hat sie der römische Dichter Horaz in einem Brief an die Söhne eines römischen StadtprĂ€fekten; SĂ€tze aus einer poetischen Epistel, die fĂŒr viele Jahrhunderte das Zentrum der Reflexion ĂŒber Dichtung bildeten.

Ut pictura poiesis – Eine Dichtung ist wie ein GemĂ€lde, Dichtung ist wie Malerei: Diese fast magische Formel fĂŒr das poetische Nachdenken ĂŒber Kunst beschĂ€ftigt auch noch die Schriftsteller des 21. Jahrhunderts.

Das Bild als stumme Dichtung – dieser Aspekt ist Ausgangspunkt einer Lesungs- und Ausstellungsreihe des Kunstvereins Schieder-Schwalenberg. Wie reagiert ein bildender KĂŒnstler auf einen literarischen Text? Wie verbindet ein sowohl literarisch als auch bildnerisch arbeitender KĂŒnstler â€čpoĂšme imageâ€ș? Es gibt viele KĂŒnstlerpaare – Schriftsteller und bildendeKĂŒnstler, wie z. B. Thomas Kling und Ute Langanky mit ihrem Projekt â€čSpleenâ€ș, Marcel Beyer und Jacqueline Merz, Oswald Egger und Katharina Hinsberg, oder auch beides in einer Person wie bei Barbara Köhler und Karin Irshaid.

Dr. Brigitte Labs-Ehlert, 2019

die Reihe pictura & poesia wurde von 2019−2021 gefördert von

Landschaftsverband Westfalen Lippe


17.7.−5.9.2021

pictura & poesia No. 4

GRAPHIT / DÄMONENRÄUMDIENST

JACQUELINE MERZ . Arbeiten mit Graphit
MARCEL BEYER . Texte

Die 1962 im schweizerischen Niederbipp geborene KĂŒnstlerin Jacqueline Merz studierte an der ZĂŒrcher Hochschule fĂŒr Gestaltung und Kunst. Seit 1991 lebt und arbeitet sie in Dresden. »Ausgangspunkt der grossformatigen Graphitzeichnungen ist ihre Malerei, die aus der Untersuchung barocker Stilleben hervorgegangen ist. Die Graphitschwaden auf ihren BlĂ€ttern sind Assoziationsfelder, die zwischen Körper und Landschaft schwingen. Das Helldunkel verweist auf jenes Licht, welches die Bilder auf Fotografien erst in Erscheinung treten lĂ€sst.« (Susanne Greinke)

In ihrem 2019 beim Leipziger Bibliophilen-Abend erschienenen KĂŒnstlerbuch FARN »fĂŒhren beide einen paradiesischen Dialog miteinander. Sie, die Schweizerin in Dresden, spielt wie eine virtuose Pianistin auf den weissen und schwarzen Tasten des Klaviers und findet in den Zwischentönen des Grau eine Melodie. Es ist ihre Melodie, aber zugleich wird sie zum Klang der Verse Marcel Beyers, des Schwaben in Dresden. Bei ihm kommen sie aus der Bewegung des Dichters in der Sprache. Das lyrische Ich hört, wie sich Kerne im Fruchtfleisch drehen, empfĂ€ngt Innen-, Binnen- und WimmergerĂ€usche. Ein Zyklus aus neunzehn Gedichten, der sich mit den fein ziselierten Siebdrucken seiner Lebenspartnerin Jacqueline Merz verbindet zu einem Gesang von der Welt.« (Michael Hametner)

Marcel Beyer,  geboren 1965 in Tailfingen / WĂŒrttemberg, lebte bis 1996 in Köln, seitdem in Dresden. Er schreibt Gedichte (Falsches Futter, 1997, DĂ€monenrĂ€umdienst, 2020), Romane (Flughunde, 1995, Kaltenburg, 2008), Essays (Putins Briefkasten, 2012, Das blindgeweinte Jahrhundert, 2017) sowie Libretti fĂŒr Enno Poppe, Manos Tsangaris und Toshio Hosokawa. 2016 wurde er fĂŒr sein Werk mit dem Georg BĂŒchner-Preis ausgezeichnet. Im Juni des Jahres wurde er mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis 2021 der Stadt Bad Homburg fĂŒr sein schriftstellerisches Gesamtwerk geehrt.

Zur Ausstellung erschien in Kooperation mit dem KRAUTin Verlag, Berlin ein Katalog, der u.a. in der Galerie HAUS BACHRACH erhÀltlich ist // ISBN 978-3-96703-030-3


27.9.−9.11.2020

pictura & poesia No. 3

AUGENBLICKE – VON LEBEN UND STERBEN

JENS REULECKE . Fotografische Bilder
DR. MARLIES REULECKE . Geschichten

© Jens Reulecke »soul-light / im Inneren einer Stille« . Retusche Farbe auf Digitalprint, 80 x 60 cm
13-teiliger Zyklus mit 13 Texttafeln von Marlies Reulecke . 2019
© Jens Reulecke »I will See you / im Inneren einer Stille« . Retusche Farbe auf Digitalprint, 80 x 60 cm
13-teiliger Zyklus mit 13 Texttafeln von Marlies Reulecke . 2019

Die Texte von Marlies Reulecke erzĂ€hlen uns von Menschen, die todkrank dem Sterben entgegengehen. Menschen, denen sie in der ambulanten Palliativversorgung tĂ€glich begegnet. Doch findet sich an dieser Schwelle des Übergangs eine Lebendigkeit, die den statischen Blick auf das Lebensende verĂ€ndert. – Die Titel der Geschichten unterstreichen das deutlich, so lauten sie: bunt, einig, hilflos, kĂ€mpfend, lĂ€chelnd, solidarisch, strahlend, trĂ€nenreich, ĂŒberrascht, ĂŒberwĂ€ltigt, verbunden.

Blick in die Ausstellung pictura & poesia 3 // Jens und Marlies Reulecke: Augenblicke . von Leben und Sterben / Fotos © Jens Reulecke

Diese unerwartete VitalitĂ€t inmitten begrenzender LebensumstĂ€nde, spiegeln die Fotografien »im Inneren einer Stille« von Jens Reulecke auf ihre Weise. Ihnen geht es um Erinnerungen, Vergangenes, das eine Wiederbelebung erfĂ€hrt. Ein Neubeginn wird imaginiert, der Unendlichkeit erzeugt. Ähnlich dem gemeinsamen Ausstellungsprojekt »berĂŒhrt« steht der verwundbare Mensch im Mittelpunkt, der, obwohl ihm alles genommen scheint, selbst zum Ort einer Lebensquelle wird, die NĂ€he, Vertrauen, Gnade, inneren Frieden, Trost und Freude schenkt. – Kostbarkeiten, die das Leben selber hervorbringt. – Und so dreht sich »Augenblicke« auch eher um das Leben, – seine Schwere und Schönheit. Die Ausstellung endete am 9. November mit einer Performance von und mit Jens Reulecke.

Die 2-teilige Installation »abwesend-da«,
welche die Ausstellung im Fenster und im Kabinett begleitete, bezog sich auf das jĂŒdische Leben im Haus Bachrach.

Die Performance »nĂ€chtlich schwanken« wird begleitet von Texten der Schriftstellerin Jenny Aloni, die 1917 in Paderborn geboren wurde und 1939 nach PalĂ€stina auswanderte, wo sie 1993 starb. Ihre Eltern und ihre Schwester, die in Deutschland zurĂŒckblieben, wurden deportiert und ermordet.
Alonis Texte, die als Teil der Performance eingespielt werden, beschreiben detailliert die Zerstörung des Warenhauses ihrer Familie wÀhrend des Novemberpogroms und schaffen so eine NÀhe zu jenen Ereignissen, die der Familie Bachrach zur selben Zeit wiederfuhren.

Die Performance wurde von Meike Lothmann und Heike Kreienmeier aufgezeichnet und war bis Ende November 2020 in unserem KUNSTfenster zu sehen.

Jens Reulecke reagiert unmittelbar per Bewegung und Klang auf die Worte, die er so weitertrĂ€gt und in Schwebe hĂ€lt, bis der Moment an Bedeutung gewinnt und sich Tiefe öffnet. Die Aktion beginnt in der Galerie HAUS BACHRACH, fĂŒhrt von dort aus zur ehemaligen Synagoge und endet schließlich mit der Niederlegung weißer Rosen vor der Galerie HAUS BACHRACH.

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Zur Ausstellung erschien in Kooperation mit dem KRAUTin Verlag, Berlin ein Katalog ĂŒber den 13-teiligen Zyklus Augenblicke – von Leben und Sterben, der u.a. in der  Galerie HAUS BACHRACH erhĂ€ltlich ist // ISBN 978-3-96703-018-1

Marlies Reulecke 1961 in Berlin geboren, FachĂ€rztin fĂŒr Chirurgie und Palliativmedizin, Master of Science in Internationaler Gesundheit. TĂ€tigkeit als Ärztin an verschiedenen Orten in Großbritannien und Deutschland, von 1992 bis 2000 im Niger. 2007– 2018 Referentin fĂŒr Public Health am MissionsĂ€rztlichen Institut WĂŒrzburg mit ReisetĂ€tigkeit in verschiedenen LĂ€ndern Afrikas. Seit 2018 PalliativĂ€rztin in Berlin. 2014 entstehen erste Geschichten.

Publikationen: »LebensrealitĂ€ten in den Blick nehmen« – Mutter-Kind-Gesundheit in Afrika als Herausforderung fĂŒr die Kirche / Herder . Korrespondenz Heft 4, 2014. »berĂŒhrt« Katalog zur Wanderausstellung / MissionsĂ€rztliches Institut WĂŒrzburg, Juni 2017.»Lebensfreude, FĂŒrsorge, WĂŒrde – Standhalten in widrigen UmstĂ€nden« / Benediktinische Zeitschrift »Erbe und Auftrag« – Monastische Welt Heft 3, 2020.

Jens Reulecke 1960 in Berlin geboren, 1980 bis 1986 Hochschule der KĂŒnste Berlin: Studiengang Bildende Kunst (Malerei), 1985 MeisterschĂŒler bei Prof. Hirsig. Aufenthalte in Wigan, London und Schottland von 1988 bis 1990. Aufenthalt im Niger von 1992 bis 2000. Zahlreiche Ausstellungen und Projekte u. a. in Deutschland, Schweden, New York, Paris, London, Liverpool, Glasgow, China, Istanbul, SĂŒdkorea, Afrika und der Schweiz. Seit 2009 LehrtĂ€tigkeit / Projekt-Partizipation an verschiedenen UniversitĂ€ten / Hochschulen in Deutschland, China, USA.
Aktuelle Arbeitsbereiche: Performance, Installation und Fotografie.


1.12.2019−5.1.2020

pictura & poesia No. 2

3 AUGENMERKE

UTE LANGANKY . Foto / THOMAS KLING . Text

Die KĂŒnstlerin Ute Langanky und der Dichter Thomas Kling haben in ungewöhnlicher Weise als Lebens- und Kunstgemeinschaft zusammengewirkt. Entstanden sind zahlreiche gemeinsame Buch- und Mappenprojekte, Text- und Fotoserien, die in diesem schwierigen Terrain, visuelle und verbale Seite zusammenzubringen, Erstaunliches leisten. Text und Bild durchdringen, ergĂ€nzen und kommentieren sich. Immer galt es, das Nebeneinander von Wort und Bild im illustrativen bzw erleuternden Sinn zu vermeiden. Jedes Medium beansprucht seinen notwendig selbststĂ€ndigen Wirkraum.

Ute Langanky . 3 Augenmerke
Ute Langanky . spleen / Drostedialog . 1997 . 14-teilige Fotoarbeit, je 50 x 50 cm

Daraus entwickelt sich die Bild- bzw. Textfolge. Zum 200. Geburtstag von Annette von Droste-HĂŒlshoff im Jahr 1997 entstand die Arbeit »Spleen. Drostedialog«, eine 14teilige Abfolge von Schwarzweiss- und Farbfotografien, die als PrĂ€parate drostescher Verfaßtheit zu sehen sind, so wie das Langgedicht von Thomas Kling auf verschiedene prototypische GemĂŒtsverfasssungen der Dichterin eingeht.

â€čIst mit Ute Langanky nicht eine Reporterin machtvoller Stille am Werk? Der es in der Anordnung als fortlaufendes Band gelingt, die Zeitlichkeit des Objekts in der Konstruktion fĂŒr einen Moment zum Reden zu bringen? Der es gelingt, das punktuell Zeitliche in bewegten AblĂ€ufen zu konstruieren? Dies – die Bildwoge – ist der Leitgedanke von Langankys Fotografieâ€ș

(aus einer EinfĂŒhrungsrede von Thomas Kling
zur Fotografie von Ute Langanky, gehalten 1999).
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Zu der Ausstellung erschien eine kleine Publikation, erhĂ€ltlich in der Galerie HAUS BACHRACH.

Ute Langanky (* 1957) studierte an der Kunstakademie DĂŒsseldorf bei Gerhard Richter und Alfonso HĂŒppi und parallel Philosophie an der UniversitĂ€t DĂŒsseldorf. Seit 1984 freie kĂŒnstlerische Arbeit und AusstellungstĂ€tigkeit im In- und Ausland, zuletzt (Auswahl) Blick auf Beowulf, DĂŒsseldorf 2019; FlĂŒchtige EntwĂŒrfe, Berlin 2019; Concrete, Leverkusen 2017; Thomas Kling. Double exposure, Köln 2017; Sehfahrer, Bremerhaven 2016; Seefarer, Köln 2014; Zur Leitcodierung, Bonn 2013; auf den Grund, Stiftung Schloß Benrath 2011. Ihre Arbeiten sind in verschiedenen öffentlichen Sammlungen vertreten. Seit 2006 Einrichtung und Betreuung des Thomas Kling Archivs / Stiftung Insel Hombroich sowie seit 2008 Einladende fĂŒr Gastaufenthalte und Projekte des Field Institut Hombroich / SIH. Seit 2012 LehrtĂ€tigkeit an der UniversitĂ€t Koblenz (Malerei/Fotografie).

Zahlreiche Veröffentlichungen, einige davon zusammen mit Thomas Kling (Auswahl): wĂ€nde machn, Aquarelle 1994; wolkenstein . mobilisierung, Linoldrucke, 1997; Catull. Das Haar der Berenice, Malerei u. Fotografie, 1997; gelĂ€nde . camouflage, Fotosequenzen, 1998; Anamnese, Malerei, Fotografie u. Texte, 2001; Nachtwache, Fotografie u. Text, 2002; ZINNEN, Linocut-Paintings, 2002; Reproduktionen, Photo:originale, 2002; THE SEAFARER, Fotografie auf BĂŒtten, 2004; THE SEEFARER, 12 Fotografien, 2014.
Ute Langanky lebt und arbeitet auf der Raketenstation / Stiftung Insel Hombroich.

Thomas Kling (1957 – 2005) ist eine Ausnahmeerscheinung unter den deutschsprachigen Dichtern seiner Generation, ein Meister der sprachlichen Inszenierung. Klings GedichtbĂ€nde – vor allem â€čerprobung herzstĂ€rkender mittelâ€ș, â€čgeschmacksverstĂ€rkerâ€ș, brennstabmâ€ș, â€čnacht.sicht.gerĂ€tâ€ș, â€čFernhandelâ€ș und â€čSondagenâ€ș – waren wegweisend fĂŒr seine Zeitgenossen, ebenso wie seine Auftritte. Thomas Klings â€čSprachinstallationenâ€ș markierten eine neue dichterische Position, die explizit die PrĂ€sentation im Vortrag einschloß.

(aus: Kunststiftung NRW)

Christian Reiner ist Sprecher von Gedichten, Prosa und experimentellen Texten. Solo und in unterschiedlichen Formationen arbeitet er an HörstĂŒcken, Theaterprojekten, Lesungen, Konzerten und CD-Einspielungen. Seine Arbeiten sind meist im Zwischenbereich von Sprache und Musik zu finden. Mit seinen Rezitationen sah man ihn u. a. am Burgtheater Wien, in der Neuen BĂŒhne Villach, in Graz und in Bregenz. Christian Reiner lebt in Wien.


10.8.−22.9.2019

pictura & poesia No. 1

karin irshaid reise nach jerusalem

ZEICHNUNGEN . DRUCKE . OBJEKTE

Karin Irshaid ist Malerin, Zeichnerin und Objektemacherin. Zugleich ist sie Autorin, der es in beiden Bereichen um den Ausdruck von Sprache geht. WĂ€hrend sie in ihren Texten eine bildhafte Sprache spricht, geht bei der Malerei und den Objekten die Sprache ĂŒber das Bildhafte hinaus, in den Bereich, der mit direkter Sprache nicht mehr erfassbar ist.

Karin Irshaid las zur Eröffnung am 10.08.2019 aus ihrem 16. Buch »Reise nach Jerusalem«

Karin Irshahid . Schwarz – Weiss . Wandobjekt . Buche, Farbe, Plexiglas
Karin Irshaid . Ohne Titel . Zeichnung auf Leinwand
Karin Irshaid . Situationen wÀhrend eines Monats zum Tages-Geschehen (Titelseite Zeitung) / Fotos © Ernst Ehlert