REIHE : pictura & poesia

»EINE DICHTUNG IST WIE EIN GEMÄLDE: es gibt solche, die dich, wenn du näher stehst, mehr fesseln, und solche, wenn du weiter entfernt stehst; dieses liebt das Dunkel, dies will bei Lichte beschaut sein;… dies hat einmal gefallen, doch dieses wird, noch zehnmal betrachtet, gefallen.«

Diese Sätze sind zweitausend Jahre alt. Aufgeschrieben hat sie der römische Dichter Horaz in einem Brief an die Söhne eines römischen Stadtpräfekten; Sätze aus einer poetischen Epistel, die für viele Jahrhunderte das Zentrum der Reflexion über Dichtung bildeten.

Ut pictura poiesis – Eine Dichtung ist wie ein Gemälde, Dichtung ist wie Malerei: Diese fast magische Formel für das poetische Nachdenken über Kunst beschäftigt auch noch die Schriftsteller des 21. Jahrhunderts.

Das Bild als stumme Dichtung – dieser Aspekt ist Ausgangspunkt einer Lesungs- und Ausstellungsreihe des Kunstvereins Schieder-Schwalenberg. Wie reagiert ein bildender Künstler auf einen literarischen Text? Wie verbindet ein sowohl literarisch als auch bildnerisch arbeitender Künstler ‹poème image›? Es gibt viele Künstlerpaare – Schriftsteller und bildendeKünstler, wie z. B. Thomas Kling und Ute Langanky mit ihrem Projekt ‹Spleen›, Marcel Beyer und Jacqueline Merz, Oswald Egger und Katharina Hinsberg, oder auch beides in einer Person wie bei Barbara Köhler und Karin Irshaid.

Dr. Brigitte Labs-Ehlert, 2019


27. 09.−09. 11. 2020

pictura & poesia
No. 3

Augenblicke – von Leben und Sterben

JENS REULECKE . Fotografische Bilder
DR. MARLIES REULECKE . Geschichten

© Jens Reulecke »soul-light / im Inneren einer Stille« . Retusche Farbe auf Digitalprint, 80 x 60 cm
13-teiliger Zyklus mit 13 Texttafeln von Marlies Reulecke . 2019
© Jens Reulecke »I will See you / im Inneren einer Stille« . Retusche Farbe auf Digitalprint, 80 x 60 cm
13-teiliger Zyklus mit 13 Texttafeln von Marlies Reulecke . 2019

Die Texte von Marlies Reulecke  erzählen uns von Menschen, die todkrank dem Sterben entgegengehen. Menschen, denen sie in der ambulanten Palliativversorgung täglich begegnet. Doch findet sich an dieser Schwelle des Übergangs eine Lebendigkeit, die den statischen Blick auf das Lebensende verändert. – Die Titel der Geschichten unterstreichen das deutlich, so lauten sie: bunt, einig, hilflos, kämpfend, lächelnd, solidarisch, strahlend, tränenreich, überrascht, überwältigt, verbunden.

Diese unerwartete Vitalität inmitten begrenzender Lebensumstände, spiegeln die Fotografien »im Inneren einer Stille« von Jens Reulecke  auf ihre Weise. Ihnen geht es um Erinnerungen, Vergangenes, das eine Wiederbelebung erfährt. Ein Neubeginn wird imaginiert, der Unendlichkeit erzeugt. Ähnlich dem gemeinsamen Ausstellungsprojekt »berührt« steht der verwundbare Mensch im Mittelpunkt, der, obwohl ihm alles genommen scheint, selbst zum Ort einer Lebensquelle wird, die Nähe, Vertrauen, Gnade, inneren Frieden, Trost und Freude schenkt. – Kostbarkeiten, die das Leben selber hervorbringt. – Und so dreht sich »Augenblicke« auch eher um das Leben, – seine Schwere und Schönheit. Die Ausstellung endet am 9. November mit einer Performance von und mit Jens Reulecke.

Die Performance »nächtlich schwanken« wird begleitet von Texten der Schriftstellerin Jenny Aloni, die 1917 in Paderborn geboren wurde und 1939 nach Palästina auswanderte, wo sie 1993 starb. Ihre Eltern und ihre Schwester, die in Deutschland zurückblieben, wurden deportiert und ermordet.
Alonis Texte, die als Teil der Performance eingespielt werden, beschreiben detailliert die Zerstörung des Warenhauses ihrer Familie während des Novemberpogroms und schaffen so eine Nähe zu jenen Ereignissen, die der Familie Bachrach zur selben Zeit wiederfuhren.

Jens Reulecke  reagiert unmittelbar per Bewegung und Klang auf die Worte, die er so weiterträgt und in Schwebe hält, bis der Moment an Bedeutung gewinnt und sich Tiefe öffnet. Die Aktion beginnt in der Galerie HAUS BACHRACH, führt von dort aus zur ehemaligen Synagoge und endet schließlich mit der Niederlegung weißer Rosen vor der Galerie HAUS BACHRACH .

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Zur Ausstellung erschien in Kooperation mit dem KRAUTin Verlag, Berlin ein Katalog über den 13-teiligen Zyklus Augenblicke – von Leben und Sterben, der u.a. in der  GALERIE  HAUS BACHRACH erhältlich ist // ISBN 978-3-96703-018-1

Marlies Reulecke 1961 in Berlin geboren, Fachärztin für Chirurgie und Palliativmedizin, Master of Science in Internationaler Gesundheit. Tätigkeit als Ärztin an verschiedenen Orten in Großbritannien und Deutschland, von 1992 bis 2000 im Niger. 2007– 2018 Referentin für Public Health am Missionsärztlichen Institut Würzburg mit Reisetätigkeit in verschiedenen Ländern Afrikas. Seit 2018 Palliativärztin in Berlin.
2014 entstehen erste Geschichten.
Publikationen: Lebensrealitäten in den Blick nehmen – Mutter-Kind-Gesundheit in Afrika als Herausforderung für die Kirche / Herder . Korrespondenz Heft 4, 2014.
berührt Katalog zur Wanderausstellung / Missionsärztliches Institut Würzburg, Juni 2017.
Lebensfreude, Fürsorge, Würde – Standhalten in widrigen Umständen / Benediktinische Zeitschrift »Erbe und Auftrag« – Monastische Welt Heft 3, 2020.

Jens Reulecke  1960 in Berlin geboren, 1980 bis 1986 Hochschule der Künste Berlin: Studiengang Bildende Kunst (Malerei), 1985 Meisterschüler bei Prof. Hirsig.
Aufenthalte in Wigan, London und Schottland von 1988 bis 1990. Aufenthalt im Niger von 1992 bis 2000. Zahlreiche Ausstellungen und Projekte u. a. in Deutschland, Schweden, New York, Paris, London, Liverpool, Glasgow, China, Istanbul, Südkorea, Afrika und der Schweiz.
Seit 2009 Lehrtätigkeit / Projekt-Partizipation an verschiedenen Universitäten / Hochschulen in Deutschland, China, USA.
Aktuelle Arbeitsbereiche: Performance, Installation und Fotografie.


01. 12. 2019−05. 01. 2020

pictura & poesia
No. 2

3 AUGENMERKE

UTE LANGANKY . Foto / THOMAS KLING . Text

Die Künstlerin Ute Langanky  und der Dichter Thomas Kling  haben in ungewöhnlicher Weise als Lebens- und Kunstgemeinschaft zusammengewirkt. Entstanden sind zahlreiche gemeinsame Buch- und Mappenprojekte, Text- und Fotoserien, die in diesem schwierigen Terrain, visuelle und verbale Seite zusammenzubringen, Erstaunliches leisten. Text und Bild durchdringen, ergänzen und kommentieren sich. Immer galt es, das Nebeneinander von Wort und Bild im illustrativen bzw erleuternden Sinn zu vermeiden. Jedes Medium beansprucht seinen notwendig selbstständigen Wirkraum.

Ute Langanky . 3 Augenmerke
Ute Langanky . spleen / Drostedialog . 1997 . 14teilige Fotoarbeit, je 50 x 50 cm

Daraus entwickelt sich die Bild- bzw. Textfolge. Zum 200. Geburtstag von Annette von Droste-Hülshoff im Jahr 1997 entstand die Arbeit »Spleen. Drostedialog«, eine 14teilige Abfolge von Schwarzweiss- und Farbfotografien, die als Präparate drostescher Verfaßtheit zu sehen sind, so wie das Langgedicht von Thomas Kling auf verschiedene prototypische Gemütsverfasssungen der Dichterin eingeht.

‹Ist mit Ute Langanky nicht eine Reporterin machtvoller Stille am Werk? Der es in der Anordnung als fortlaufendes Band gelingt, die Zeitlichkeit des Objekts in der Konstruktion für einen Moment zum Reden zu bringen? Der es gelingt, das punktuell Zeitliche in bewegten Abläufen zu konstruieren? Dies – die Bildwoge – ist der Leitgedanke von Langankys Fotografie›

(aus einer Einführungsrede von Thomas Kling
zur Fotografie von Ute Langanky, gehalten 1999).
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Zur Ausstellung erschien eine kleine Publikation, die in der  GALERIE  HAUS BACHRACH erhältlich ist.

Ute Langanky  (* 1957) studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Gerhard Richter und Alfonso Hüppi und parallel Philosophie an der Universität Düsseldorf. Seit 1984 freie künstlerische Arbeit und Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland, zuletzt (Auswahl) Blick auf Beowulf, Düsseldorf 2019; Flüchtige Entwürfe, Berlin 2019; Concrete, Leverkusen 2017; Thomas Kling. Double exposure, Köln 2017; Sehfahrer, Bremerhaven 2016; Seefarer, Köln 2014; Zur Leitcodierung, Bonn 2013; auf den Grund, Stiftung Schloß Benrath 2011. Ihre Arbeiten sind in verschiedenen öffentlichen Sammlungen vertreten. Seit 2006 Einrichtung und Betreuung des Thomas Kling Archivs / Stiftung Insel Hombroich sowie seit 2008 Einladende für Gastaufenthalte und Projekte des Field Institut Hombroich / SIH. Seit 2012 Lehrtätigkeit an der Universität Koblenz (Malerei/Fotografie).

Zahlreiche Veröffentlichungen, einige davon zusammen mit Thomas Kling (Auswahl): wände machn, Aquarelle 1994; wolkenstein . mobilisierung, Linoldrucke, 1997; Catull. Das Haar der Berenice, Malerei u. Fotografie, 1997; gelände.camouflage, Fotosequenzen, 1998; Anamnese, Malerei, Fotografie u. Texte, 2001; Nachtwache, Fotografie u. Text, 2002; ZINNEN, Linocut-Paintings, 2002; Reproduktionen, Photo:originale, 2002; THE SEAFARER, Fotografie auf Bütten, 2004; THE SEEFARER, 12 Fotografien, 2014.
Ute Langanky lebt und arbeitet auf der Raketenstation / Stiftung Insel Hombroich.

Thomas Kling  (1957 – 2005) ist eine Ausnahmeerscheinung unter den deutschsprachigen Dichtern seiner Generation, ein Meister der sprachlichen Inszenierung. Klings Gedichtbände – vor allem ‹erprobung herzstärkender mittel›, ‹geschmacksverstärker›, brennstabm›, ‹nacht.sicht.gerät›, ‹Fernhandel› und ‹Sondagen› – waren wegweisend für seine Zeitgenossen, ebenso wie seine Auftritte. Thomas Klings ‹Sprachinstallationen› markierten eine neue dichterische Position, die explizit die Präsentation im Vortrag einschloß.
(aus: Kunststiftung NRW)

Christian Reiner  ist Sprecher von Gedichten, Prosa und experimentellen Texten. Solo und in unterschiedlichen Formationen arbeitet er an Hörstücken, Theaterprojekten, Lesungen, Konzerten und CD-Einspielungen. Seine Arbeiten sind meist im Zwischenbereich von Sprache und Musik zu finden. Mit seinen Rezitationen sah man ihn u. a. am Burgtheater Wien, in der Neuen Bühne Villach, in Graz und in Bregenz. Christian Reiner lebt in Wien.


10. 08.−22. 09. 2019

pictura & poesia
No. 1

karin irshaid reise nach jerusalem

ZEICHNUNGEN . DRUCKE . OBJEKTE

Karin Irshaid ist Malerin, Zeichnerin und Objektemacherin. Zugleich ist sie Autorin, der es in beiden Bereichen um den Ausdruck von Sprache geht. Während sie in ihren Texten eine bildhafte Sprache spricht, geht bei der Malerei und den Objekten die Sprache über das Bildhafte hinaus, in den Bereich, der mit direkter Sprache nicht mehr erfassbar ist.

Karin Irshaid las zur Eröffnung am 10.08.2019 aus ihrem 16. Buch »Reise nach Jerusalem«

Karin Irshahid . Schwarz – Weiss . Wandobjekt . Buche, Farbe, Plexiglas
Karin Irshaid . Ohne Titel . Zeichnung auf Leinwand
Karin Irshaid . Situationen während eines Monats zum Tages-Geschehen (Titelseite Zeitung)
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die Reihe pictura & poesia wird seit 2019 gefördert von

Landschaftsverband Westfalen Lippe